Logo Wasserwandern auf dem Main

Von Narren, wie sie im Buche stehen

Datum:    27.11.21 - 06.02.22
Zeit:    Samstag: 14:00 bis 17:00 Uhr
Sonntag: 10:00 bis 17:00 Uhr

Mit Narren verbinden wir heute vor allem die närrische Zeit: Karneval, Fasching, Fastnacht mit einem ausgelassenen Treiben auf der Straße oder derben Witzen und scharfzüngige Reden in Prunksitzungen. Die vorübergehende Aufhebung oder Verkehrung der gesellschaftlichen Ordnung hat man aber nicht immer für unbedenklich gehalten. Goethe war vom römischen Straßenkarneval fasziniert, beobachtete ihn wie ein Naturereignis und fand doch kaum etwas Positives an dem 'ausschweifenden Fest'. Er fürchtete, „daß Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des Wahnsinns genossen werden können“.

Noch härter ging das Spätmittelalter mit den Narren ins Gericht. Gemäß dem gleichlautenden Eingangsvers von Psalm 14 und 53 galt er als Gottesleugner: „Es spricht der Tor in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.“ Darauf beruht auch einer der großen Klassiker der Narrenliteratur: Sebastian Brants Narrenschiff. Über hundert Narren versammelt er in seinem Buch, das er pünktlich „uff die Vasenaht“ 1494 in Basel drucken lässt. Vom Büchernarren bis zum Ehebrecher wechseln sich harmlose Verfehlungen und schwere Vergehen ab. Aber wer sich den Narrenschiffern anschließt und sich mit ihnen in das gelobte Land Narragonien aufmacht, wird verderben. Immer wieder steht der Mensch vor der Wahl, den 'dürren', den Narrenweg einzuschlagen oder sich für den rechten Weg zu entscheiden, der als Lohn das Seelenheil verspricht. Bald kanzelt der Prediger Johannes Geiler von Kaysersberg im Straßburger Münster Brants Narren ab und verfasst auch einen Gegenwurf: Das Schiff des Heils.

Mit der Reformation wird der Ton rauher. Thomas Murner, der sprachmächtige Gegenspieler der frühen Reformation, wird als Murr-Nar, als Katzennarr, verspottet und holt zum Gegenschlag aus. In seiner Satire vom großen lutherischen Narren (1522) befreit er diesen unter anderem von den vielen, kleinen, närrischen protestantischen Theologen, die in dessen Kopf Verwirrung stiften. Das Narrenschneiden kennt auch Hans Sachs, der in seinem Werk eine breit angelegte Narrenlandschaft hinterlassen hat. Sie reicht vom derben Fastnachtspiel bis zur Bearbeitung des Lobs der Torheit des Erasmus von Rotterdam.

Sachs' Komödie „Stultitia mit ihrem Hofgesinde“ soll dem einfachen Handwerker den Zugang zu der Schrift des großen Humanisten ermöglichen. Erasmus konnte seine scharfe Kritik am Zustand der Gesellschaft nur äußern, weil er sie der Torheit selbst in den Mund legt, die ja nur dummes Zeug plaudere. Wie das Narrenschiff wurde das Lob der Torheit (1511) ein Klassiker nicht nur der Narren-, sondern auch der Weltliteratur. Es nutzte nichts, es 1545 auf den Index zu setzen. Auch wenn Erasmus es öffentlich abstreiten musste, für seine Personifikation der Torheit gilt: Narrenmund tut Wahrheit kund.

Das führt weiter zu dem Typ des Narren, der sich bereits lange von den gemeinen Narren à la Brant abgesetzt hatte - dem Hofnarren. Ihm stand es zu, seinem König oder Fürsten die bittersten Wahrheiten ins Gesicht zu sagen, wenn sie denn nur närrisch genug daherkamen. Im Triumphzug Kaiser Maximilians dürfen die Hofnarren sogar in einem eigenen Wagen ihrem Herrn folgen. Zu den frühesten belegten Beispielen zählt Kuony von Stocken, der dem österreichischen Herzog Leopold I. in den Schweizerkriegen vor der vernichtenden Niederlage bei Morgarten (1315) beschied, dass seine Kriegsräte ihm zwar gesagt hätten, wie er ins Land komme, nicht aber wie er wieder herauskomme. Gerade bei der Entscheidung über Krieg und Frieden sind die Hofnarren gefragt. Schlecht, wenn man keinen hat. In einem Holzschnitt des Petrarcameisters um 1520 muss sich der kriegswillige Landesherr selbst die Narrenkappe überziehen, als er dem Tod den Sold auszahlt.

Krieg bestimmt auch das Schicksal von Grimmelshausens einfältigem Viehhirten Simplicius. In der Garnison Hanau soll er in einem Ritual zum Narren gemacht werden und fortan die Kappe tragen. Er kann aber unter dem Kostüm seinen Witz – Verstand – behalten und am Ende als Eremit die Weisheit erlangen. Simplicius wird häufig unter die Schelmen gerechnet, die sich nur dumm stellen. Ein weiterer typischer Vertreter ist Till Eulenspiegel, dessen Attribute nicht nur der Spiegel, den er den Menschen vorhält, sondern auch die weise Eule sind.


Loading...